Nach François Truffauts letztem Drehbuch und umgesetzt von
seinem ehemaligen Regieassistenten
Claude Miller, der bereits vier Jahre zuvor mit derselben Crew
und der damals 13jährigen Charlotte Gainsbourg in der Hauptrolle
in "Das freche Mädchen" ihren ersten Filmerfolg begründete,
entstand "Die kleine Diebin", die Initiationsgeschichte eines
jungen Mädchens, das die fehlende Liebe im Haushalt ihrer
heruntergekommenen Tante und des lebensschwachen Onkels durch
Diebstähle, den Traum vom Glück in den französischen
Nachkriegsfilmen im kleinen Dorfkino und einer trotzigen
Liebesbeziehung zu einem verheirateten Mann kompensiert.
In ihrer Anstellung als unbeholfenes Hausmädchen erfährt Janine
zum ersten Mal eine Form von Angenommenheit und träumt den
banalen Traum eines Kleinbürgerglücks, als sie an den
Wochenenden Sekretärinnenkurse besucht. Doch in einem jungen
Dachdecker, der aus der Schule Geld zu entwenden versucht,
entdeckt sie endlich einen Seelenverwandten. Gemeinsam mit ihm
begeht sie den großen Coup, bestiehlt ihre bestürzten
Herrschaften und verlebt ein paar Tage kurzen Glücks an
der Atlantikküste, ehe das zu freie Liebesleben der beiden
die Denunziation einer Bäuerin nach sich zieht. Während ihr
Freund entkommt und fortan verschollen bleibt (bei einem
späteren Kinobesuch hat Janine die Vision, er habe sich als
Freiwilliger in Indochina gemeldet), landet sie selbst
in einer Besserungsanstalt.
Nach ihrer geglückten Flucht kehrt sie ein letztes Mal zurück
in ihr Dorf, wo sie keine Aufnahme mehr bei ihrer Tante findet.
In der Schlußszene sieht sie aus dem Rückfenster des Busses,
der sie die Serpentinen ihres Heimatdorfes hinableitet
einer ungewissen Zukunft entgegen. Doch sie hat sich für
das Kind in ihrem Bauch entschieden. Und in den Händen umklammert
hält sie ihren einzigen Besitz, einen Fotoapparat, den ihr
ein Freund geschenkt hat, gleichsam als Symbol für eine
Zukunft und einen Lebensweg, nicht nur Traumbilder zu
konsumieren, sondern selber welche zu erschaffen.
Der Film lebt nicht zuletzt vom Spiel seiner natürlichen
Hauptdarstellerin, deren Mimik die Naivität, den Trotz, die
Verletzlichkeit und unstillbare Sehnsucht der kleinen Diebin
einzufangen weiß.
Und so ist der Film weit mehr als ein liegengebliebenes
Skript eines Meisterregisseurs
eine sensibel aufgereihte Folge atmosphärisch dichter und
berührend intensiver Momente.